Aber nun wirklich zurück zu den Anfängen...


 

Angefangen hat das Epos „am Fuße des Teides“ in einem Hörsaal des Botanischen     Instituts in München.


Mein Spezialgebiet war die Ökologie und die Angewandte Botanik. Aber alles halt nur vom Labor aus und auf theoretischer Grundlage.

Kaffee anbauen in München geht nicht, Kaffee trinken dagegen schon. 
Kaffee war da kein Thema, sondern Alltag. Im Kaffeeraum stand immer ausreichend Kaffee auf, musste halt gelegentlich frisch aufgebrüht werden. Und wie man es von manchen Fernsehsendungen kennt, wo der Kommissar/Oberarzt mit der Kaffeetasse in der Hand zugange ist, war es auch üblich am Gang Forschungsergebnisse mit der Tasse in der Hand zu diskutieren.  

Wir sind zwar ein Volk von Kaffeetrinkern, aber mit der Kaffeekultur ist´s nicht weit her. Im Zweifelsfall nimmt man Dallmayr Prodomo und lässt allenfalls die Finger von Jacobs Krönung, weil ein Verbraucher-Magazin von zu vielen artfremden Bestandteilen im gemahlenen Kaffee berichtet hatte. Mit einer Zubereitungsart klassisch: Pulver in den Filter, zack, heiß Wasser drauf, lassen sich Kaffeefeinheiten natürlich nicht herausarbeiten. Ein Ethiopia Yirgacheffe schmeckt dann wie India Monsooned. Und wo würde man selbige wohl auch herkriegen.

Beim Wein sieht die Sache aber ganz anders aus. Erstens macht sich das nicht besonders, mit einem Weinglas während der Dienststunden angetroffen zu werden und zweitens wird man schwindlig, weniger vom Alkohol als vielmehr von der Vielzahl verschiedener Weine in den Supermärkten.

              Der pfiffige frühere Journalist der Süddeutschen Zeitung Axel Hacke, hat das Groteske der Weincharakterisierung einmal in einer Kolumne beschrieben. 

Er ging in einen Weinladen, um ein Mitbringsel für eine Einladung zu besorgen. Ein kleiner Dicker im Laden, offenbar der Verkäufer, war sehr freundlich, öffnete etliche Flaschen und charakterisierte den jeweiligen Wein mit Begriffen wie Sattelleder, Gummi, Teer, Barriquenoten, Unterholz, Jasmin, erdig, voluminös, etc.
Dabei rauchte er eine Zigarre.
Als man jedoch Schritte im Hintergrund hörte, verschwindet der kleine Dicke blitzartig durch die Tür und ein unwirscher älterer Mann erscheint und fragt, wer denn so unverschämt sei, hier zu rauchen. Nach dem Hinweis auf den flüchtenden Berater, meinte er nur seufzend: Schon wieder mein Bruder.

Mit der Charakterisierung eines Weines tut man sich in der Tat ohne ausreichende Übung sehr schwer. Oftmals kann man auf die Frage nur freundlich antworten: Gut – obwohl man oft bei der Frage nach der Langversion eher: Na ja, antworten würde.


An der Universität

Mit einer Vorlesung über Angewandte Botanik und Nutzpflanzenkunde gewinnt man keinen Blumentopf, wenn man die Systematik der verschiedenen Rübenarten behandelt. 
Dann kommen nicht einmal strickende Hinterbänkler. Also muss was Aktuelles her. Unser Freund Sielmann hat die jungen Tierfilmer, wie Andreas Kieling, immer damit gezwickt, sie sollten doch endlich was Aktuelles machen, ohne dies aber zu spezifizieren. Sielmann war in der Botanik, Abt. Allgemeine Biologie, Honorarprofessor und nicht in der Zoologie, weil seine dortigen früheren „Kumpane“ wie Eibl-Eibesfeld und Mittler ihm den eigentlich wohl verdienten Titel nicht gönnen wollten.

Also muss auch bei den Nutzpflanzen was Aktuelles in die Vorlesung.

Frage an das Auditorium:

Wer von euch hat denn schon mal eine „Tüte“ geraucht? Hände hoch!


Betretenes Schweigen.

Man schaut sich an und um, aber niemand meldet sich.


Na denn: wisst ihr auch, weshalb das Cannabis Harz entweder geraucht oder in Keksen verbacken werden muss, damit es seine Wirkung entfalten kann? Oder kann man es vielleicht auch einfach so kosten?


Anhand der Inhaltsstoffe und den Reaktionen beim Erhitzen kommen wir den Zusammenhängen dann auf die Spur. Das wirksame THC kommt nämlich im Hanf gar nicht vor, sondern wird erst beim Erhitzen durch Decarboxylierung der Vorstufe gebildet.

Beim Thema Kokain und der komischen Vorgehensweise, es mit Backpulver aufzukochen, musste ich auch erst die Kollegen in der Pharmazie konsultieren – war auch sehr interessant.
 In der Zeitung liest man auch immer wieder über die besondere Gefährlichkeit von „Crack“, der Backmischung. Klar, solche Dinge interessieren natürlich Studenten und sie werden ja auch nicht dadurch zu „Rauschgift-Junkies“. Aber andere interessante Themen müssen halt „irrlichternd“ verpackt werden, so wie im Zoo das Reptilienhaus ohne tödliche Giftschlangen nicht interessant wäre.

Aber zurück zum Wein.

Zu den legalisierten Rauschmitteln zählt auch der Wein. Hier bestehen völlig ungefährliche Wissenslücken außer: zuviel ist zuviel. Trotzdem hatte ich dem Thema eine eigene Vorlesung gewidmet.

Montag Früh:

Ich bin gerade dabei, den Korken aus einer Flasche Bordeaux zu ziehen, als sich die Hörsaaltüre vorsichtig öffnet. Ich merke es erst, als sich alle Blicke dorthin wenden. Ein Kopf mit Trump-Frisur schaut rein und blickt zu mir auf´s Podium hoch.

Eh, Herr Dittrich, ich hab Sie nicht in ihrem Büro gefunden und auch am Telefon nicht. Aha, sie haben ein kleines Fest hier, eine Doktorfeier?

Nö, wieso, ist eine reguläre Vorlesung. Steht ja auch außen auf dem Belegplan,
erkläre ich ihm.

Wir haben heute gerade das Thema „Wein“ aus der Reihe der Naturstoffe.
Wollen Sie vielleicht auch ein Pröbchen nehmen?


Nein, nein, nein, ich erwarte gerade einen wichtigen Anruf aus Japan, aber wenn Sie vielleicht anschließend bei mir vorbeischauen?


Aber gern Herr Dekan. 


Damit verschwindet die Trump-Locke wieder. 
Was später passiert steht in der Fundgrube.

Auf dem Tisch steht eine Reihe von Gläsern, auch Kaffeetassen sind dabei, verschiedene offene Flaschen Wein, Spucknapf und an der Seite ein Schneidbrett mit Baguette und Butter. Die Basisausrüstung also für eine Weinverkostung. Ich hatte dies auch angekündigt und organisiert, wer was mitbringt. 
Diesmal war nur Rotwein dran: Bordeaux, Burgund und Côte du Rhone und Tempranillo aus der Rioja und ein fetter Syrah aus Australien.
Bevor aber das Trinkgelage seinen Anfang nahm, mussten wir die richtigen Gläser auswählen.

Wieso müssen wir erst die richtigen Gläser auswählen?


frage ich und weiter:

Ist das nicht so eine elitäre Begleiterscheinung zu dem üblichen Geschwurbel der Weincharakterisierung? 


Nicht ganz; denn würde man einen Roten aus einem Sektglas trinken, dann spielt einem die Psychologie einen Streich und man würde sich fragen: Öha, was ist das denn? Das soll ein roter Sekt sein! Der Kopf erwartet eigentlich was anderes und schon ist der Geschmack versaut, keine Perlen, was soll´s denn dann sein.

Ah, das glauben wir nicht, Sie übertreiben da aber
kommt aus dem Publikum.

Na dann machen wir einen Versuch, schlage ich vor:
Wir probieren den Cru bourgeois von Haut Medoc erstmal aus einer Kaffeetasse:

Na ja, geht doch. Und was schmecken Sie an der Lippe, wenn Sie vorsichtig kosten?


Öh, ja eigentlich zuerst Porzellan. Ist das Winterling oder Seltmann Weiden?

Sie sind ein Spaßvogel , lache ich,
aber den Nagel auf den Kopf haben Sie erstaunlicherweise getroffen. Haben Sie's vorher schon gewusst? Schwierig, in der Tat richtig zu schmecken. Das dicke Porzellan drängt sich immer in den Vordergrund und dominiert das Lippengefühl.

Jetzt aber her mit den teuren Bordeauxgläsern!

Dass mir da keiner ein Glas umschmeißt! So ein dünnwandiges Glas kostet 20 EUROs, von Riedel oder Eisch gar nicht erst zu reden.

Und jetzt? Mal vorsichtig dran riechen!

Ja, das Aroma erscheint fülliger, voller zu sein,
meinen die Probanden. Na, ist es aber auch.

Und jetzt Vorsicht, ich sagte VOR-SICH-TIG kosten! Nicht gleich einen Schwapp nehmen. Und wie fühlt sich der Wein an den Lippen jetzt an? Gell, jetzt hat man auch einen vollen Geschmack und die Lippe muss nicht mit einem dicken Glaswulst kämpfen.

Je dicker der Glasrand, desto mehr drängt sich seine Präsenz in den Vordergrund. Klar, dass man Glas eigentlich nicht schmecken kann, aber die Lippen suchen trotzdem rum, ob nicht doch was zu schmecken ist, lenken quasi die Aufmerksamkeit vom Geschmack des Weines ab. Dann erst spürt oder empfindet man den Charakter des Weins.

Leute lacht nicht. Ein dünnwandiges Glas ist fast so imaginativ (mir fällt kein anderes Attribut dazu ein) wie eine randlose Brille.
Und wie sieht es aus mit dem Lüften des Weins? 

Es heißt immer, man müsse eine Weinflasche ein bis zwei Stunden vor dem Ausschenken öffnen oder in einen Dekanter, in eine Karaffe umfüllen. 
Hat jemand eine Ahnung? Nein? 


Ist auch kein Wunder. Auch die Experten sind sich da uneinig. 

Ursprünglich lag der Sinn des Dekantierens in der Entfernung des Bodensatzes, der sich bei rustikaler Kellertechnik bilden kann. Das ist heute aber nicht mehr der Fall, da die Weine geklärt und feinfiltriert werden.

Der andere Grund, den Wein zu belüften oder umzufüllen hängt mit seinem Kohlendioxidgehalt zusammen. Dieser kann zwischen 200 und 500 mg pro Liter liegen und führt im oberen Bereich zu einem harten, spitzen, säuerlichen Geschmack. Dadurch wird der Charakter des Weines je nach Grundsäuregehalt entscheidend beeinflusst. 

Weine mit wenig Säure benötigen den zusätzlichen Schub der Kohlensäure und würden beim Belüften ihre Spritzigkeit verlieren und möglicherweise schal schmecken.
 

Weißweine, die sowieso gern etwas „frischer“ geschätzt werden, sollten also nicht belüftet werden. Gleiches gilt für alte, schwere Rotweine, bei denen die Säure von untergeordneter Bedeutung ist. Hier ist nur wenig Säure über die Jahre übrig geblieben und ein Belüften, könnte sie weiter aus dem beabsichtigten Säuregleichgewicht bringen. Zudem gingen auch voluminöse Aromastoffe verloren.
 

Nur bei jungen Rotweinen mit genügend frischer Säure verbessert das „Auslüften“ der Kohlensäure den Charakter. Sie verlieren ihren etwas harten und spitzen Überbau, den diese mit sich bringt und werden dadurch gefälliger. 

Die Geschichte mit der „Lüfterei“ von Wein ist also eine komplizierte Sache. 


Was tun? 

Das Beste wäre in der Tat, die Flasche zu öffnen, den Wein zu verkosten und dann zu entscheiden, ob man durch Belüften noch harte, saure und spitze Noten glätten sollte oder nicht. Ist er hingegen voluminös und fett, dann gleich wieder verkorken. 
Nix da, gleich einschenken.


Und jetzt gehen wir mal die einzelnen Weine an,
 

schlage ich vor und wir versuchen, das verführerische Beerenaroma, die animierende Säure, die saftige Frucht, feinziseliert die kräuterige Würze und nicht zu vergessen, das samtige Tannin herauszuschmecken.

So sind halt die Beschreibungen in den Reklamezetteln.

Brot zum Regenerieren der Geschmacksknospen zwischendurch haben wir ja.


Kommt aus einer französischen Bäckerei, oder?  

frage ich.


Der Brotbesorger lacht: hab mich schon nicht lumpen lassen und es beim Käfer gekauft. Es kostet fast soviel wie eine Flasche Wein, nur Spaß! 
Na, dann schenken wir uns mal den Burgunder ein. Ist ein bisschen hellfarbig, fast durchsichtig im Glas.  

Und wie ist das Aroma? Verhalten aber delikat fein, nicht wahr! Und was seht ihr, wenn ihr das Glas kreisförmig schwenkt? An der Innenwand? 


Ah, das ist ganz klar, das wissen wir. Da laufen klare Tropfen herab, so wie Tränen des Weins. Das ist doch Glycerin?

Ah ja, richtig. So heißt es wenigstens immer wieder. Ist aber falsch, auch wenn's hundertmal wiederholt wird. 
Es ist ganz leicht zu widerlegen. 
Glycerin ist bestens in Wasser, also auch Wein, löslich. Wie soll sich da das Glycerin aus dem Wein absondern, ist ohne Destillation überhaupt nicht möglich. Man hat in einem Experiment diese Tropfen mit einer feinen Pipette aus dem Glas abgezogen und dann analysiert. Es war auch nur wieder der gleiche Wein und kein Glycerin. Es lohnt sich aber nicht, bei einer Weinverkostung den Schlaumeier zu spielen, wenn es auf nichts ankommt und die allgemeine Meinung eh schon feststeht.


Also weiter mit der Verkostung.

Sehr fordernd, so ein Kampf der Sinne, die einzelnen Weintypen zu beurteilen. Aber da muss man mal durch.

Nach großen Diskussionen und 8 Probeflaschen das Fazit:


Ihr dürft nicht enttäuscht sein, wenn ihr aus dem Wein nicht das ganze Spektrum herausschmeckt, 

gebe ich zu bedenken. 

Aber ihr habt doch ganz richtig erkannt, dass das mit dem Tannin und den Beeren beim Bordeaux zutrifft, der Burgunder a bissl dünn ist, der Syrah etwas marmeladig erscheint und der Rioja so dick und dunkel ist, dass er weniger was zu Trinken als gleich zum Essen ist. Nur mit Üben, maßvoll natürlich, weil betrunken merkt man keine Unterschiede, kommt man der möglichen Aromenvielfalt auf die Schliche.


Wir haben die Doppelstunde ohne größere Vorfälle leicht animiert rumgekriegt, trotz Rotweinflecken. Das sind halt Kollateralschäden.

Und wir hätten sicher noch autofahren dürfen. Eine Fake-Szene wie im Hörsaal der Feuerzangenbowle haben wir nicht veranstaltet. Nächste Woche dann das Spektrum der Weißweine.

Entscheidungsfindung

Das mit dem „Wein selber anbauen“ ist vielleicht keine schlechte Idee, dachte ich. Und wer möchte nicht einen eigenen Weinberg haben, zwischen den Reben rumspazieren, die Blätter begutachten, ob nicht eventuell der Mehltau zugange ist.

Abends dann, vielleicht auch schon früher eigenen Wein vom Fass zapfen und in den Sonnenuntergang hineintrinken.

Aufwachen, bitte ! !

So einfach ist das alles nicht: dem stehen eine Menge von „wer, was, wann, wo“ im Wege. Noch haben wir ein paar Jahre Zeit, um endgültige Entscheidungen zu treffen.

Klar ist für Münchner die Toskana die erste Wahl.

Mit dem Auto ist man in wenigen Stunden vor Ort. Geschichte, Kultur, naturalezza, was braucht es mehr.

Dass du dich da aber nicht täuschst, mein Lieber

meint unsere Freundin Birgid. Sie hat eine Podere, ein halb-herrschaftliches, alleinstehendes Haus in der Toskana auf der Höhe von Elba aus den 17. Jahrhundert mit abgetretenen Marmorstufen,  ohne Strom zwar, aber wenigstens mit einem Brunnen.


Ich kann dorthin nur im späten Frühling und im Herbst fahren. Im Sommer ist es sauheiß und im Winter arschkalt, dass zwar nicht der Wein aber gelegentlich die Oliven erfrieren.


So schlimm wird’s doch aber nicht sein, 

wende ich ein. Da wohnen doch auch Leute und Deutsche sind doch auch dorthin gezogen.

Ja, ja, wenn du uns nächstes Mal besuchst, kannst ja meine Nachbarn, Deutsche, fragen, wie es denn so ist in der Toskana. Dann werden sie dir auch erzählen, wie hoch die Grundsteuern sind. Da bist du besser dran im Frühjahr und Herbst irgendwas mit Agritourismo zu mieten. Abgesehen davon kannst ja auch nicht ständig rumfahren, um Kunst und Kulturgüter zu besichtigen.


Stimmt. Aber weiter südlich, Sizilien oder so?

Ist auch nicht viel besser. Auch elendkalt im Winter. Sonst würden sich auch die Blutorangen nicht rot färben.


Lassen wir Italien. Und wie schauts mit der Provence aus?

Du möchtest doch die meiste Zeit des Jahres dort sein. Der Wein will doch täglich seinen Herrn sehen. War denn dir nicht Peter Mayle ein Vorbild?

Ja, stimmt.

Ein toller Schriftsteller,
bestätige ich.


Unbeschreiblich seine Fressgelage und der Duft von Lavendel!

Aber jetzt wo sie's sagt, kommt mir Monty Python wieder in den Sinn. Beim Lesen von Peter Mayles Büchern gilt immer nur: Look on the bright side.
Dass der Mistral tagelang an den Fensterläden rüttelt und die Temperaturen um den Gefrierpunkt pendeln, will man so nicht wahrhaben. Ist aber so, muss ich zugeben

Hm, Mallorca wäre nur 2 Flugstunden entfernt mit 2 Flügen täglich. Zack nach Hause zum Zahnarzt und gleich wieder zurück.

Das hört sich doch gut an, natürlich nicht der Zahnarzt.

Erinnerst du dich noch an den Schnee im April, wo ihr in Mallorca wart, und woher hatte wohl Chopin seine Lungenentzündung, an der er letztlich starb, wie?


Schon wieder stichelt sie. Peter Mayle hat übrigens sein Haus in der Provence auch verkauft und ist nach New York gezogen. Als der Schmerz dann nachgelassen hat, ist er doch wieder zurückgezogen.


Sag was du willst,
widerspreche ich ihr.

Ich will aber keinen Wein in Veits-Höchheim kultivieren. Und du willst mir doch alles madig machen. Ich möchte nicht nur Wein anbauen, sondern endlich auch dem nasskalten Schneematsch-Sauwetter im Winter entfliehen.


Die Kollegen

Das mache ich auch in unserer täglichen Kaffeerunde im Institut deutlich. 

Wennsd´ nicht gleich in die Karibik oder Florida gehst, hast schlechte Papiere

heißt es unisono.

Na ja, ein Kompromiss wäre vielleicht die „Insel des Ewigen Frühlings“ Madeira.


Geht nicht
schütteln sie den Kopf:

Da ist´s zwar nicht kalt im Winter, aber ohne Regenschirm kannst du nicht aus dem Haus. Der Madeirawein ist wohl auch nicht jedermanns Sache und nur den Engländern konnten sie ihn verkaufen.

Wie ist es denn mit den Kanaren,
schlage ich vor:
Zwar elend weit weg – auch vom Madeira Tiefdruckgebiet – aber gute Anbindung im Flugverkehr. Wär doch was!


Ach, überlegs dir, meint das Konzilium:
Die Kanaren sind doch ein überlaufenes Ferienziel im Winter! Baden und so und Wandern! Allerdings, vom Wein aus Teneriffa oder Gran Canaria hat man noch nichts gehört. Gelächter in der Runde. Dann könnte ausgerechnet ein Deutscher Pionier im Weinbau werden, wenn sich überhaupt Weinstöcke in die Lavahänge bohren lassen
.

Überleg´s dir gut, musst selber wissen wo´s lang geht, wir müssen wieder ins Labor bzw. Herbar oder Vorlesung. Könntest auch Kanarienvögel züchten. Gib Bescheid, wir besuchen dich dort. Na ja, ist durchaus eine Überlegung wert.


Das Folgende ist ein langer Sermon, geeignet mehr für Teneriffa Neulinge. 

Ein Ersteindruck. Man kann ihn auch überspringen und erstmal in den diversen Kapiteln plus Bildern herumschmökern und dann evtl. hier weiterlesen.


Endlich vor Ort

Überwältigend die Aussicht vom Balkon des 7. Stocks im Tenerife Sol. Das Geglitzer der Sonne auf dem Atlantikwellen blendet einen regelrecht. Verdreht man den Hals etwas – Festhalten an der Balkonbrüstung – dann sieht man ums Eck rum den schneebedeckten Gipfel des Teides. Und unten im Garten ein hellblauer Swimmingpool.

Man kann´s nicht glauben.

Vor 6 Stunden sind wir noch durch Schneeregen im Matsch zur S-Bahn gestapft und jetzt hier: Strand, Sonne, Sommer, Palmen, Meer. Und das nur eine Viertelstunde vom Flughafen hierher nach Playa de las Americas und Lederjacke aus.
Jetzt sofort runter auf die Promenade und ins nächste Café geflätzt. Por fafor doss cafés con leche. Alles Deutsche hier, erkenntlich an den Birkenstocks oder den kurzen Socken.
Die Tätowierungen bedeuten eigentlich nichts mehr, aber diejenigen der Engländer sind viel klassischer, nicht so wüst chinesisch oder arabisch sondern mit Anker und so, auf der Außenseite des Unterarms. Stammen wohl aus dem 2. Weltkrieg. Sind gar nicht so viele Engländer dabei, die vorbei patroullieren.

Aber toll die Luft hier. Und abends, wenn die Sonne untergeht, der Horizont sich orange färbt, die Lichter langsam angehen, einen Cocktail vor sich, dann kommt einem die Abwandlung eines Sprichworts in den Sinn:
Gestern durch die Brust geschossen, heute schon auf stolzen Rossen.

Das ist nun schon 20 Jahre her. Von der Idylle und der „Leichtigkeit des Seins“ im Süden der Insel, was uns ursprünglich so beeindruckt hatte, ist dort nur wenig übrig geblieben. 
Klar, das Wetter ist immer noch das Trumpf-As. Schaut man aber jetzt vom Strand zurück in die Berghänge im Süden, dann sieht man sich quasi eingemauert. Alles ist bis hoch zu den Steilabbrüchen gleichförmig mit Apartmentanlagen, Reihenhäusern und Ähnlichem zugebaut, besser: zubetoniert, zugepflastert. So sieht die Käfighaltung der Schneevögel aus. Snowbirds heißen sie in Florida, die Winterurlauber aus dem Norden. Sowas gibt´s dort auch.

Hier im Süden Teneriffas überwintern viele Nationen, vornehmlich aber Deutsche und Engländer. Kommen im Oktober und verschwinden wieder im März/April. Na ja, eine Wettergarantie hat man da schon. Im Sommer ist´s allerdings zu heiß, da kommen vielleicht die Spanier von der Peninsula, vom Festland, wo es noch heißer ist. Eine Klimaanlage braucht man dann aber schon.

Es ist eine Wüstenregion. Wachsen tut hier ohne Bewässerung außer Kakteen und den ähnlich aussehenden Kandelaber-Euphorbien und Tamarisken eigentlich nichts. Einen Wildwestfilm könnte man hier drehen, ist aber in Almeria in Andalusien viel billiger, weil man keinen Touristen im Weg ist, sondern nur die Gewächshäuser aus dem Blickfeld halten muss. 

Alexander von Humboldt konnte mit seinem Schiff in den Hafen von Santa Cruz einlaufen, nachdem sie um lauernde britische Kriegsschiffen "herumgeschlichen" waren. 

Aber dann war kein Halten mehr: keinen Winkel, nebst Teide Gipfel ließ er unerforscht. War einfacher als mit dünnen Latschen den Cimborasso hoch zu tappern.

Darwin, 1832 ,einige Jahre später, hatte das Glück nicht. Sein Schiff, die Beagle, ließ man nicht anlanden, wegen der in England wütenden Cholera Epidemie. 12 Tage  in Quarantäne waren Kapitän FitzRoy zu viel. Also Humboldt die Entdeckung der Endemiten der Kanaren überlassen und weiter segeln zu den KapVerden. So ein Pech aber auch.

Inselrundfahrt

Unsere obligatorische Inselrundfahrt geht über die Caldera, den Einbruchskrater des Teides, aus dessen Mitte der Gipfel nochmals 1600 m höher herausragt, auf die Nordseite der Insel. Jetzt wird´s langsam grün; erst noch die Kiefernwälder, in denen der Nebel hängt und das Wasser von den Nadeln abtropft. 
Dann geht’s in kriminellen Serpentinen in eine liebliche, abwechslungsreich gegliederte Landschaft, vorbei an Esskastanien, Mandel- und Apfelbäumen, durch Kartoffelfelder bis zu den Bananenplantagen an der Küste.

Hab ich eventuell die Weingärten unterschlagen??

Auch Wein wird angebaut. Von Höhenlagen bis runter an die Küste. Oft sind das aber nur eigentümliche, traditionelle Anlagen, wo die einzelnen Weinstöcke gut kniehoch gehalten werden, sich aber dann 6-7 Meter dahinziehen, nur von gabeligen Holzstöcken gestützt. Das kommt mir reichlich spanisch vor. 

So habe ich mir den Anbau von Wein aber nicht vorgestellt. Bei der Ernte muss man sich ja auf den Boden legen oder zumindest auf die Knie. Und wieso das?

Das macht man halt hier so! Es ist „costumbre“ so wird’s gemacht, basta. 
Der Vater hat´s so gemacht, der Großvater. Das ist halt so. 
Alles andere kostet Geld.

Nach 20 Jahren hat man aber etwas Geld, denn der Tourismus hat auch der Landbevölkerung als Zulieferer zu etwas mehr Wohlstand verholfen, nicht nur den internationalen Konzernen.

Die Winzerbedarfsläden führen jetzt moderne Gerätschaften (alle aus Italien), die so verlockend sind, wie die Smartphones, die auch fast jeder in der Tasche hat. Die „Gabelstocktechnik“ wird zwar auch heute noch betrieben, dennoch findet man immer häufiger, dass die Reben an den im modernen Weinbau üblichen Spalieren gezogen werden.


Die Planung

Schnupperbesuche

Zurück in München wurden die einschlägigen Teneriffa-Reisekataloge gewälzt. Besonders der Countryside Katalog von Tui hatte es uns angetan.

Agrotourismo oder so wäre doch das Richtige. Da müsste doch auch ein Weingut etc. dabei sein. 
Und in der Tat wurden wir fündig, allerdings nur ein Angebot:

Winzerehepaar vermietet auf einer Weinfinca in La Matanza Apartments.

Die Beschreibung war der übliche Schmus, der uns sowieso nicht interessierte. La Matanza de Acentejo, gute Lage, nicht zu hoch, damit´s nicht zu kalt wird und nicht zu weit unten ( Schwitz ). Um 400 m Höhe müsste ein ausgewogenes Klima vorherrschen. Und zudem auf halbem Weg zwischen den Städten Puerto de la Cruz und La Laguna bzw. Santa Cruz.


Weinfinca, Winzerehepaar: da mussten wir hin. Es ist eine schöne Anlage im Stil von Lanzarote und Cesar Manrique gebaut mit 3, inzwischen wohl mehr Apartments und neuerdings einem evtl. genehmigten Swimmingpool.
Der Hausherr, ein Franzose, ist zwar ein genialer Baumeister, beim Wein allerdings wusste er damals nur, wie man eine Flasche öffnet.

Die Hausfrau ist eine Holländerin, die lupenreines Deutsch spricht, was natürlich schon sehr hilfreich war. 
Die Rebfläche betrug grad mal 100 Quadratmeter und die Trauben waren weiß gepudert vom Mehltau. Das war wohl nix mit Weinanbauen etc. Aber die Leute waren sehr freundlich und die Atmosphäre ebenfalls und das kam uns beim Aufbau unserer eigenen Finca sehr zugute. War eine sehr gute Erfahrung.


Danach haben wir noch die anderen Inseln der Kanaren besucht. Sehr schön, wenn man nur 14 Tage bleiben will, aber nichts für länger. Also, wieder zurück nach Teneriffa. Diesmal gleich ordentlich.


Es gibt hier eine Universität mit einem Biology Department. Also genau das Richtige. Aus der Literatur kannte ich Jose-Maria Fernandez-Palacios.

Klingt pompös wie viele spanische Namen, er war und ist aber ein ganz netter Bursche, der sich um ökologische Projekte auf der Insel kümmert und nebenbei massenhaft Bücher schreibt.
Ist mir schleierhaft, wie er es neben Familie und Kaffeetrinken im Büro schafft. Aber er schaffts. Nach Rücksprache wie´s denn mit einem Forschungsbesuch wäre, meinte er: kein Problem, kommst einfach. Gute Idee für ein sabbatical.


Ein Probejahr

Wir blieben dann tatsächlich fast ein Jahr in Puerto de la Cruz, von wo aus ich quasi jeden Tag in die Uni fuhr oder eben in den Lorbeerwald hinter Las Mercedes im Anaga Gebirge. Dort haben wir dann die Entwicklung, bzw. die mangelhafte Entwicklung der Bodenvegetation unter den Lorbeerbäumen in Abhängigkeit von Licht, Wasser, Nährstoffen und vor allem dem Laubfall der Lorbeerbäume untersucht.

Während all dieser Zeit haben wir natürlich auch auf der Finca Angelus, bei unserem Winzerehepaar vorbeigeschaut.


Aber nicht nur das, sondern waren auch beim Aufbau der ersten, neuen Rebfläche behilflich. Von einem unserer neuen Freunde, dem "Kaziken" vom Valle Guerra, der auch die deutsche Schule besucht hatte, hatten wir Stecklinge von Cabernet Sauvignon bekommen, die wir auch in Reih und Glied im Spaliermodus auf Finca Angelus, zusammen mit Claude, dem französischen Hausherrn, pflanzten.

Normalerweise steckt man die Rebstecklinge in einen Plastiksack und lässt sie 4 Wochen bei 6 Grad im Kühlschrank, um ihnen den Winter vorzugaukeln. Danach haben sie nichts anderes im Sinn, als auszutreiben, denn nach der Kälteperiode und wenn´s eben wärmer wird, muss ja wohl das Frühjahr anfangen und damit die neue Wachstumssaison.

Benützt man aber ein Bewurzelungshormon wie ß-Indolylbuttersäure, dann geht die Sache einfacher. Die Stecklinge werden unten festgehalten und dann nur handbreit über ihrer Basis so um ihre Achse gedreht, dass die Holzfasern aufbrechen bzw. aufplatzen. Dann wird das aufgeplatzte Gewebe mit dem Hormonpulver und einem Fungizid bepinselt, dann direkt etwa 40 cm tief in gebohrte Erdlöcher gesteckt, festgedrückt, bewässert und fertig.

Heute hat das „Winzerehepaar“ einen eigenen Önologen angestellt, der die mittlerweile fast 2 ha große Rebfläche bearbeitet und auch die Bodega-Arbeiten besorgt.

Eine Erfolgsgeschichte, ohne Zweifel. 
Claude hat uns aber auch in der Nachbarschaft ein Grundstück mit Ruine vermittelt und dann bei den Aufbauarbeiten entscheidend geholfen.


Kauf der Finca

Mit dem notariellen Kaufvertrag kam auch Leben in unsere Schöpfungsgeschichte:

Genesis 1 : 

Der Herr schuf Himmel und Erde und so auch unsere Finca 

 

Mit dem Rücken zu den verfallenen Hütten der Finca blickten wir über das Land und wir erkannten 

Genesis 1,2: 

Aber die Erde war wüst und leer und Finsternis lag über der Urflut – 

und sie erfüllte auch unsere Herzen. Was wird nur werden?

Aber Gott sprach durch Moses zu uns

Genesis 1,3: 

Es werde Licht

Und so fassten wir auch wieder Mut, denn Gott sprach alsbald bei 

Genesis 1,11: 

Das Land lasse junges Grün wachsen, alle Arten von Pflanzen, die Samen tragen, Kaffee zum Beispiel, und vor allem auch Bäume.


Da lagen wir uns in den Armen, wussten, der Herr wird´s schon richten und bestellten den ersten Traktor.

 

Aber wie halt so immer bei Verträgen steckt der Teufel im Kleingedruckten oder im Detail.

 

Der Rechtsanwalt, Don Carmelo, der die Immobilie als Honorarausfall von einem pleitegegangenen Bauunternehmer übernommen hatte, war ein „schlimmer Finger“. In der Escritura, dem Kaufvertrag hatte er 10.000 Quadratmeter angegeben und auch eine unbeschriftete Vermessungsskizze beigelegt, das Original, mit den genauen Daten war aber nicht mehr auffindbar, vorsichtshalber.


Mit den „Wiederaufbauarbeiten“ wurde Miguel, ein lokaler Bauunternehmer beauftragt, der zwar mit Preisgestaltung nicht zimperlich war, aber er ersetzte die Bauaufsicht und den Architekten, den wir bei einem neuen Bauantrag gebraucht hätten.

Papierkram bei Baugenehmigungen kann dauern wie der Berliner Flughafen. Eine schwache Vorstellung bekamen wir, als wir das Grundstück im Katasteramt bestätigen lassen wollten.


Normalerweise gibt es zwei Behörden, die für Grundstücke zuständig sind.

Das Registro: hier werden die Kaufverträge dokumentiert, aber auch sonst nichts.

Und dann gibt es noch das Catastro, das Grundbuchamt: hier wird es ernst, weil da das Grundstück in den gesamten Bebauungsplan mit Besitzer und Nummern etc. eingetragen wird.

Also: Unterlagen beim Catastro in Santa Cruz einreichen.

Kampf mit dem Grundbuchamt

Ein paar Monate später „aqui es España“ erhalten wir die Antwort: die Daten stimmen nicht, Eintrag abgelehnt.

Also hin zu Don Carmelo:

Kein Problem, ich fahre sowieso morgen nach Santa Cruz. Da klär ich das gleich. Aber weshalb wollt ihr unbedingt einen Katastereintrag? Das macht man doch eigentlich nicht. 
Das Registro reicht doch.

Nein, wir wollen es aber doch.

Nach ein paar Wochen, Aqui es España, da ist es nicht so eilig, fragen wir wieder nach.

Ach, tut mir leid, bin noch nicht dazu gekommen.

Also jetzt aber. Trotzdem fragen wir in der Gemeinde nach, was denn, wie denn. Und Ana, die gerade den Ortsplan verwaltet, setzt uns ein Schreiben für das Catastro auf.

Neuer Antrag – und wieder abgelehnt.

Jetzt gehen wir zum Notar, der den Kaufvertrag ausgefertigt hatte.

Erst später erfahren wir, dass der ausfertigende Notar auch die Katasternummer zu überprüfen und einzutragen hätte. War ihm aber zu lästig und wir wussten das nicht.

In unserem Kaufvertrag stehen jeweils nur Striche in Klammern, wo die Nummern zu stehen hätten.

Als wir ihn darauf hinweisen wollten, kommt er nicht mal aus seinem Büro heraus, sondern lässt uns mitteilen, dass der Notar beim Registro in Tacoronte der Ansprechpartner wäre.

Inzwischen waren 3 Jahre vergangen. Mit unserem ortsansässigen, Freund Domingo Galvan, der uns auch bei der Pflanzenbeschaffung sehr geholfen hat, suchen wir diesmal eine Notarin auf.

Sie ist ganz verwundert und meint, man müsse nur das richtige Formular bei der Antragstellung verwenden; von der Beilage einiger grüner Scheine riet sie dringend ab und sie sei sowieso nicht zuständig.

Wäre auch zu einfach gewesen.

Also richtiger Neuantrag, bumms, wieder ohne klare Begründung abgelehnt. Vielleicht stimmt auch irgendetwas beim Catastro nicht. Aber die wissen von nichts.

Wir bekommen eine Kopie des Übernahmevertrags von Don Carmelo von 1999 und von der ursprünglichen Eintragung von 1953 im Registro. 
Ganz klassisch, handschriftlich mit schwarzer Tinte und sich spreizender Feder geschrieben. Ein Kunstwerk.

In der Zwischenzeit hat sich offenbar niemand mehr um Eintragungen geschert.

Unser nächster Plan war, direkt im Catastro zu fragen, was denn an der Sache faul wäre und weshalb der Eintrag abgelehnt wird.

Bevor wir um 10 Uhr zu unserem Catastrotermin antreten, gehen wir noch mit Domingo in die benachbarte Kaffeebar. Domingo ist ein Kaffeeliebhaber, röstet seinen Kaffee selber und hat sich die Gerätschaften selber gebastelt und perfektioniert. 
Da er bei der ICIA, der Landwirtschafts-forschungsanstalt beschäftigt ist, hat er internationalen Zugang zu den verschiedensten Kaffeeplantagen. Von ihm haben wir auch den Grundstock für unsere Kaffeeplantage bekommen.

Nach einem Cortado, dem üblichen kleinen Kaffee, geht’s ins Catastro. Der größte Raum im Gebäude ist der Empfangsbereich, wo ein Gewimmel herrscht, Leute Papierstapel herumtragen, kopieren, abheften etc. aber auch die Besucher nach ihrer Reservierung verteilen.

Interessanterweise kennt Domingo den „Sachbearbeiter“ von irgendwo her. Er ist eher ein „Sach-nicht-bearbeiter“, aber das nützte wenig. 
Durch Bildschirm und Schreibtisch gegen Übergriffe geschützt, erklärt er uns, an Nase und am Ohr gedankenverloren herumpopelnd, dass wir hier wohl die Zustimmung der verschiedenen Anlieger zur Grenzziehung einholen müssten, um eine Katastereintragung zu erhalten. Er schnaubte noch seine Nase hoch und wünschte uns einen guten Tag, er müsse jetzt dringend weg. Wohl ins Café nebenan. Das sagte er aber nicht.

Don Carmelo hatte schon gewusst, weshalb er uns mit mañana abgespeist hat. Die umliegenden Bauern zu fragen, erschien uns hoffnungslos. Wäre es sicher auch gewesen.

Tina, die Frau von Domingo, eine pfiffige Amerikanerin, die bei der ICIA als Sekretärin nicht nur beschäftigt war, nein, wirklich arbeitete, hatte dann doch noch eine Idee. Vielleicht sollten wir das Gelände selber vermessen lassen? Dann wäre das Catastro wieder am Zug.


Endlich Eintrag im Grundbuch

Zufälligerweise hatten wir Besuch von Freunden, Franz, einem Prominentenzahnarzt und seiner Frau Mona. Franz hatte sein Rennrad mitgebracht und bereits eine mörderische Teneriffa-Tour La Laguna - Orotava via Teide absolviert. Er zeigte mir sein GPS System, mit dem er die Fahrtroute, Zeit etc. dokumentiert hatte. Mit diesem GPS System könne er auch Flächen vermessen.

Und das war´s.

Es war zwar ein elendes Gewürge sich durch Brombeergestrüpp, am Zaun und an Terrassenabbrüchen vorbei zu zwängen, aber schließlich wussten wir durch unsere Vermessung, dass die Finca nur etwas über 9000 Quadratmeter groß war. Das war´s also. Die Größe stimmte nicht und der „functionario“ im Catastro wollte einfach nicht, hatte keine Lust uns behilflich zu sein. Auch ein Mistkerl !

Tina besorgte uns dann einen zertifizierten Landvermesser, der in seinem umfangreichen, 1000 Euro teuren, Gutachten- aber amtlich – zum selben Ergebnis kam: Don Carmelo hatte uns „behummst“.

Auf den Kanaren und vielleicht in ganz Spanien kann die Größe eines Grundstücks beim Verkauf um 10% zu groß angegeben werden, ohne dass Regressansprüche daraus resultieren.

Klar, bei der Vermesserei kann man sich schon „vertun“, halt immer zu Ungunsten des Käufers. Ist halt so üblich und war auch in unserem Fall so.

Don Carmelo hatte es auch gewusst und deshalb seine Vermessungsunterlagen nicht herausgerückt. Der Mistkerl.

Mit dem neuen Gutachten wurde ein neuer Antrag gestellt – im siebten Jahr nach dem Erwerb. Die Antwort war prinzipiell bekannt, nur diesmal war die Ablehnung noch mysteriöser.

Jetzt blieb nur die Möglichkeit einen mit Katasterangelegenheiten vertrauten Rechtsanwalt von der Kette zu lassen. Sein Schreiben an die Behörde war wegen der eigentümlichen, medievalen Juristensprache auch nebulös, und er ist wohl auch selber nochmals vorstellig geworden.

14 Tage später hatten wir den Bescheid, wir möchten doch vorbeikommen, um die Gebühr zu bezahlen. Das hat einen ganzen Schwall von Endorphinen ausgelöst, in dem die Schmerzen der Rechtsanwaltsgebühr pauschal, einfach so – 500 Euro, sich klaglos aufgelöst haben.

Im Besucherbereich des Catastro haben sie uns dann ein Einzahlungsformular für die Erteilung eines Bescheids, sowie eins für 2 auszufertigende Kopien über den Schalter geschoben. Man geht mit diesen Formularen dann in die nächste Bank, zahlt die 12 Euro und sonst was ein, kriegt das Formular bestempelt und liefert es am Schalter wieder ab. Dann wird man stolzer Besitzer eines Katasterdokuments.

Direkt die Gebühr einzuzahlen geht natürlich nicht. Da könnten die Angestellten doch in Versuchung kommen.

Mit dem Rechtsanwalt haben wir Glück gehabt. Es gibt hier Anwälte schon zuhauf. Aber es ist wie bei den Spinnen: Netz aufgespannt, bzw. Anzeige geschaltet. Und dann wartet der Anwalt oft ewig. Hat er aber mal einen Klienten, dann ist es um den geschehen, jetzt hat er auch ewig Zeit.
Manchmal nehmen die Anwälte einen Fall auch gar nicht erst an. Dann weiß man:
Lass alle Hoffnung fahren, mein Freund, auch ein anderer Anwalt wird sich nicht trauen, gegen den Neffen des Inselpräsidenten vor Gericht zu gehen. Und wenn die Lage auch noch so klar ist.


Auferstanden aus Ruinen

Ohne Claude, vom Winzerehepaar auf Finca Angelus, hätten wir den Wiederaufbau der Finca nicht stemmen können.

Mit dem Erwerb und den bürokratischen Prozeduren ist es ja nicht getan.

Was vor uns lag waren 2 idyllische, niedrige Steinhäuser mit kleinen Kämmerchen, die als Lagerraum, für landwirtschaftliche Produkte, für Pflanzenschutzmittel und Wein dienten. Sowie ein Kuhstall, ein Ziegenstall und ein Hühnergehege. 
War aber alles völlig verwahrlost, da der ursprüngliche Eigentümer sie für seine Freundin gekauft hatte, um ihr das Landleben schmackhaft zu machen, sie aber eher ein Schickimicki-Stadttyp war und sich außer einer Besichtigung nicht weiter für die Finca interessiert hatte.

Das Idyllischste war ein Grill, der außen an die Hauswand gemauert war. Dann gab es noch eine große Pergola vor dem Haus mit Steintisch und urigen Holzbänken. Das war alles ganz anheimelnd, solange man nicht auf dem zementierten Weg Richtung Atlantic vorbei an mehreren Terrassen den Hang nach unten ging. 
Rechter Hand verwilderte Weinreihen, wie üblich auf Kniehöhe gezogen, links Kartoffelfelder und überall mannshohes Unkraut von Chenopodium bonus-henricus, der Gute Heinrich.

Das Positive an der Finca war, dass Wasser- und Stromanschluss vorhanden waren. Ohne diese beiden ist eine Finca nicht existent und kann in kein Grundbuch eingetragen werden. Dann würde die Apocalypse von vorne beginnen. Da wir beide noch berufstätig waren, mussten wir den notwenigen Abriss der Häuschen zwecks „Renovierung“und das Management des Aufbaus Miguel und Claude von der Finca Angelus anvertrauen.

Auf den ursprünglichen Grundmauern wurde aufgebaut. Natürlich mit geringen Veränderungen wie das halt so ist, einem kleinen Vorbau hier, das Dach etwas höher, damit von Osten Licht in den ex-Lagerraum dringen konnte. Aber beim zweiten Häuschen, das als Kuh und Ziegen plus Hühnerstall diente, behielten wir, um die Renovierung nicht zu übertreiben, den etwas krummen Grundriss bei.

Ein paar Eigenheiten haben wir uns trotzdem geleistet: einen kleinen Garderobenvorbau drangehängt und drüber einen Giebel mit einer Augustusbüste und einer großen Uhr drunter.

Zur Straße hin haben wir an das Flachdach eine Treppe und einen Giebel gesetzt und anstelle einer weiteren Büste eine große Kirchenglocke aufgehängt. Wenn Besucher kommen, kann man per Glocke aus dem Feld geholt werden. Ein bisschen Schmus muss schon sein inmitten der hiesigen nordafrikanisch anmutenden Architektur.

War das früher eine Kapelle ? wird man gelegentlich gefragt.

Eigentlich wollten wir nie wieder bauen oder renovieren, weil die Entkernung unseres Hauses in München und der Wiederaufbau sehr schmerzlich waren.

Vielleicht haben sie sogar Lebenszeit gekostet. Und hier gingen wir wieder ein solches Risiko ein.

Aber Alex meinte: viel Land ist wichtig und natürlich die Lage.

Beides war in Ordnung: quasi 1 Hektar und dies mitten im Dorf in Gehweite zum Markt und zwei Supermärkten, der Gemeindeverwaltung und dem Postamt.

Na denn.

Während unsere Finca aus Ruinen wieder aufgebaut wurde, stand auch die nächste Weinernte bei Claude und Ankie an. Eine Bodega mit entsprechenden Geräten hatte sich Claude schon gebaut, so dass die Trauben nach dem Entrappen schon in den Tank wandern konnten und aus Deutschland hatte ich französische Edelhefe für einen guten Start mitgebracht.

Die nötigen Analysen konnten wir im Mercadillo der Gemeinde, in der landwirtschaftlichen Beratungsstelle machen lassen, da im Laufe der Gärung manches schief laufen kann.

Alles lief gut und als Claude den Wein dann beim jährlichen concurso, dem Wettbewerb, einreichte, gewann er auch den ersten Preis.

Uns ist dies erst 12 Jahre später wieder gelungen. Na ja. Dazwischen lag aber auch viel Aufbauarbeit.

Auf der Finca gab es außer 3 Avocadobäumen, einigen Zitronen und Orangenbäumen und den berüchtigten Listan negro Weinreben nur Unkraut, eingefallene Mauern und Brachflächen. Wir konnte von 2004 an dann aber tatsächlich auf der Finca wohnen und von hier aus die Restrukturierung – ein guter Ausdruck – in Angriff nehmen. Dann nämlich wurde ich pensioniert und frei – frei – frei.

Da es sooo viel zu machen gab, fiel mir der Abschied von meinem Büro mit Jugendstilmobiliar nicht schwer. Die Flächen wurden rekultiviert, Mauern aufgebaut und die Bewässerung aktiviert- ein 500 cbm Tank war dafür ja vorhanden. Und dann ging's Schritt für Schritt an die Bepflanzung.


Neubeginn

Palmen wurden gepflanzt, kleine Olivenbäumchen aus Spanien importiert: aber welche Sorte?

Es gibt vielleicht 50 oder mehr verschiedene Sorten. Aber weil die meisten auf Fremdbestäubung angewiesen sind, also ohne den Pollen einer anderen Sorte nicht fruchten, haben wir die für die Ölproduktion bekannteste Sorte Arbequina gewählt, die sich selber bestäubt.

Damals gab es auf Teneriffa keine Olivenbäume, von denen der Wind Pollen hätte anwehen können. Avocados, hingegen, die es in jedem Garten gibt , kommen deshalb problemlos mit der Fremdbestäubung zurecht.

Problem mit den Oliven also gemeistert.

Heute werden auf der Südseite der Insel massenhaft, zig-tausend Olivenbäume mit den Subventionen aus Brüssel kultiviert. Wird aber trotzdem, wie auch bei auf unserer Finca, kein Geschäft werden. Dazu werden bereits auf der Peninsula weltweit die meisten Oliven kultiviert. Konkurrenzlos.

Sogar die Italiener kaufen das spanische Olivenöl und verkaufen es als „abgefüllt in der Toscana“. Das nennt man Geschäftssinn. Wir aber wollten nur eigenes Öl haben.

Dann haben wir weiter ein Kartoffelfeld gerodet, entsteint, besser Felsbrocken in Fliegerbombengröße ausgegraben und dann Bananen gepflanzt. 
Es gibt nichts idyllischeres oder tropischeres als einen dichten Bananenhain.

Das musste sein.

Die alten Weinstöcke haben wir alle herausgerissen, die Stockhilfen entfernt und moderne Spaliere installiert. Die Merlot und Cabernet Setzlinge bekamen wir von unserem Gönner und Freund Juan Fuentes, dem Kaziken von Valle Guerra.

Nach dem Wein kam unsere Herzensangelegenheit dran: Kaffee.

Einige Pflänzchen hatten wir schon aus München, dem Botanischen Garten nach Pflanzenschutzprüfung, mitgebracht und auf Claudes Finca hochgepäppelt. Dann bekamen wir noch etliche Pflanzen aus einem hiesigen Gartencenter. Sie stammten aus Gran Canaria, Sorte Tipica – von der dortigen Kaffeefinca La Laja.

Die restlichen Pflanzen haben wir aus Samen gezogen, die uns Freunde aus aller Welt mitgebracht haben. 
Kaffee vom Amazonas vielleicht? Oder aus Hawaii? Kongo ? Oder aus dem Ursprungsland Äthiopien, Jemen vielleicht ? Auch unser Freund Domingo Galvan war eifrig dabei über seine Kontakte neue Kaffeesamen zu besorgen.

Wir haben inzwischen Kaffeebäume aus sehr vielen Ländern.

Hinsichtlich der Avocados haben wir mit Hilfe unseres Freundes Pepe Navarro zusätzlich zu den hier klassischen Sorten Hass und Fuerte noch die Sorten Reed, Hull und Pinkerton pflanzen können. Ganz nett so ein Sortiment zu haben.

Inzwischen hat sich das Leben auf der Finca eingependelt.

Anfang des Jahres Rebschnitt, noch Avocadoernte, Weinpflege, beginnende Kaffee Ernte und Bananen Ernte, Papayas werden reif, weiter die Kaffee Ernte und Verarbeitung; dann langsam kommt die Wein Ernte und darauf die Olivenernte. Wein vom Vorjahr abfüllen. Etikettieren etc. Im November beginnen die Avocados wieder zu reifen, der im Fass ruhende Wein wird kontrolliert. Und immer wieder Unkraut jäten. Das Klima macht's halt.

Dann gibt es ein paar ruhige Wochen, bis der Rebschnitt wieder anfängt.

Täglich aber treiben uns die Katzen und Hühner morgens um 7 Uhr, sonntags wie werktags, aus den Federn.

Darauf ein Glas eigenen Wein! Denn so war's.

                                                   So ist das lustige Landleben halt.



Gell, so hat's mal ausgesehen. Sinkt einem da nicht der Mut ? 

Und auch der Kontostand?

Schon, aber jetzt siehts doch ganz ordentlich aus !