Ein Hühnerleben

Unsere Finca war ursprünglich ein kleines landwirtschaftliches Anwesen, ehe es über einen Bauunternehmer, der Pleite ging und einem Rechtsanwalt, der die Konkursmasse mit seinen unverschämten Gebühren verrechnete, letztlich zu einer Ruine verkam.

Die aber mitten im Ort !

Hier unsere Hühnertruppe, noch zu dritt mit Bruni


Es waren also Stallungen vorhanden für ein paar Kühe, Ziegen und Hühnern.Das hätte uns natürlich nicht verleitet wieder Viehwirtschaft anzufangen. Aber unser Schweizer Freund Luis hielt auf seiner Wochenend-Finca Hühner. Jawohl Hühner !

"Ich komme spätestens jede Woche einmal vorbei, um die Futtervorräte im Automaten und natürlich Wasser wieder aufzufüllen. Ansonsten spazieren die Kameraden mit ihrem Schwarzenegger Hahn auf einem eingezäunten Bereich herum. Alles sehr einfach, ja Eier einsammeln nicht vergessen!"  erklärte er uns.


Ja wenn das so ist, dann wollen wir das auch.

Luis hatte die Hühner in einer Art Garage mit Türe und Schlupftürchen einquartiert. Hatten wir aber nicht. 
Ein weiterer Freund, Alexander, aber hatte ein Hühnerhaus, das verwaist war, weil er sich nun doch lieber zwei Hunde halten wollte. 
Kurz: er baute die Blechkonstruktion ab und wir installierte sie bei uns unter einem Granatapfelbaum und einer Kanarenpalme. 
Ein Maschendrahtzaun wurde gezogen und ein Abschnitt überdacht. Das war das eigentliche Gehege, das nur nachts geschlossen wurde; sonst war Freilauf über die ganze Finca angedacht. Füchse oder Marder gibt´s keine.


Ihr werdet doch die Hühner nicht über die Finca laufen lassen?  war die besorgte Frage eines Nachbarn. Das könnt ihr nicht machen.
Die 50 Quadratmeter Gehege sind eh schon zu viel. Die Hühner werden euch alles umgraben, Setzlinge fressen, Löcher scharren, Trauben fressen, die Terrasse verscheissen. 
Um es gleich vorweg zu nehmen:  Genau, das tun sie.

Wir aber wollten glückliche Freilandhühner. Und dabei blieb's auch.

Bei einer Futtermittelgroßhandlung besorgten wir noch einen Ballen Heu und Stroh und bei der Gelegenheit sahen wir, dass er auch Geflügel in einem handelsüblichen Transportcontainer „vorrätig“ hatte.

Die armen „Schweine“ von Hühnern waren darin dicht gepackt in Käfigen untergebracht mit einem Wasserbehälter und einer Futterrinne davor, wenigstens. Bewegungsfreiheit gleich Null. Sollen ja auch nicht rumspazieren, sondern verkauft werden. Klar, sind das junge Legehühner, meinte der Angestellte und holte einen Karton.

Wir suchten uns aus dem Gewurl drei braune New Hampshire Hühnchen, eins mit weißer Feder, aus, die mit geübtem Griff in den Pappkarton verfrachtet wurden. 
Weil Weihnachten war packte er uns noch ein schwarzes Huhn dazu.


Zuhause wurde dann die Bande in der Hühnerhütte freigelassen.
Was denn das wohl wieder werden soll
,   haben sie sicher gemeint.

Sichtlich mitgenommen saßen sie herum und weil es schon zu dämmern anfing setzten sie sich schwupps auf die Sitzstange, die quer durch das Häuschen angebracht war.
Dann war erstmal „Gute Nacht“.

Als wir am Morgen mit den Futterschüsseln zum Hühnerhaus gehen, liegt das schwarze Weihnachtshühnchen tot am Boden, von der Stange gefallen. Es ist wohl schon krank gewesen und wurde deshalb vorahnungsvoll verschenkt. 
Wir haben auch nichts gemerkt.

Tiere leiden still, 
kein großes Gejammere, einfach still.

,

Wenn Hühner herumkrakelen oder jammern...

... dann ist alles in Ordnung. 
Entweder wollen sie dann zusätzliches Futter oder etwas ganz Spezielles: Kanarienvogelfutter vielleicht. Dann lassen sie sich auch mit ihrem Lieblingsfutter, dem Süßmais aus der Dose nicht locken. Satt sind sie in beiden Fällen. Wenn sie ruhig sind und herumspazieren ist auch alles in Ordnung, dann checken sie nur die Lage, was sie wohl als Nächstes anstellen werden.


In der Reihe der schlauen Vögel kommen sie gleich hinter Papageien und Rabenvögeln. Immer wieder tricksen einen unsere Hühner aus. Beispielsweise eilen sie schnurstracks ohne den Futternapf zu beachten zum Legekorb in der Holzhütte, setzen sich zurecht als ob sie legen wollten. 
Aber kaum dreht man dem Schneewittchen den Rücken und geht weg, schon huscht sie raus, um das Ei woanders abzulegen.

Im Hühnerstall sind zwar zwei bequeme Legeboxen. Die wurden anfangs auch angenommen, was sehr praktisch war. Aber im Laufe der Erkenntnis, dass „die Freiheit und das Gelände wohl grenzenlos sind“ werden die Eier nach fraktalen Kriterien gelegt, nur nicht in der Legebox. 
Ja so sind sie, unsere Hühner.


In der Nachbarschaft gibt es mehrere Hühnervölker. An dem Gekrähe der Hähne um 4 Uhr morgens wird das deutlich. Da die Nachbarn ihre Hühner auch brüten lassen, um ihre Schar zu vergrößern, gibt es auch einen Überschuss an Hähnen, die nicht gleich in den Kochtopf wandern. Einer dieser Hähne hatte nun unsere Hühnerschar spitz gekriegt und tauchte unvermittelt im Gelände auf.

Was war das für ein Theater, wie er einen ständigen Balztanz aufführte, aber unsere Braunen waren einfach zu cool oder zu widerborstig, um sich auf Albert, den schwarzen Ritter, bzw. Hahn, einzulassen. Drei Wochen dauerte die Idylle,  - oh Schreck -dann war nur noch Bruni am Gehege, Albert und die beiden anderen waren wie vom Erdboden verschluckt, einfach weg.

Wir befragten die Nachbarn und suchen selber die Nachbargrundstücke mit dem Fernglas ab: ein paar schwarze Federn waren im Feld zu sehen, aber sonst nichts.

Nein, keine Ahnung, nein, wir haben nichts gesehen oder gehört und wissen auch nichts.

Tja.?

 

Auch in der Mittagspause ist Fritz der Hahn aufmerksam.

Nur durch Zufall...

... fanden wir heraus, was passiert war und die Hühner weg waren. Beim Kaffeepflücken fiel ein strenger Geruch im Untergebüsch auf. Und da war eines der Hühner vergraben. Die zwei anderen Hühnergräber wurden dann, nachdem was wir wussten, nach und nach aufgespürt.

Der Hund einer Nachbarin war durch eine Lücke im Zaun – Hunde sind auch sehr wendig – auf das Grundstück gelang und hatte zwei Hühner und Hahn Albert getötet und an verschiedenen Orten vergraben. 
Und urplötzlich wussten alle Nachbarn, dass dies ein „Hühnertöter“ war, der schon verschiedene Male Hühner umgebracht hatte. Einmal sogar 10 Hühner. Und warum tut man da nichts dagegen?

Jaaaa, es ist halt ein bisschen so wie bei der italienischen Omerta. Diese Nachbarin gehört zur Verwandtschaft ringsrum und da sagen wir lieber nichts.

Kann man nichts machen.

Der Hühnermörder war damals bei einem anderen Nachbarn zwar in dessen Hof kaserniert gewesen, aber man hatte ihn doch auf das ganze Feld rausgelassen. Und von dort hat er die Lücke in unserem Zaun aufgespürt. Ab dann blieb er im Hof eingesperrt und die Lücke wurde auch mit Draht geschlossen. Bitter sowas.

Ein Huhn, Bruni, hatte wenigstens den Terror und das Massaker überlebt; war wohl irgend woanders grade unterwegs. Aber tagelang war es sehr verstört. Kein Wunder.

Wir haben dann wieder 2 Braune gekauft. Eins davon wieder mit ein paar weißen Federn, das neue Schneewittchen also, und beide wurden dem verbliebenen Huhn zugesellt. Haben sich auch sehr schnell aneinander gewöhnt.

Und schwupps, war auch ein neuer Hahn wieder vor Ort. Ein prächtig bunter namens Fritz, ein Hahn, wie er im Buche steht. Sofort hat er das Kommando über die Hühnertruppe übernommen, die ihm fast immer auf Schritt und Tritt folgte. Eine ganz liebe, idyllische Truppe. 
Hat sich ein Huhn abgesondert, dann schaut Fritz wo es denn bleibt und ob alles in Ordnung ist. Auch wenn ein Huhn sich zum Eierlegen versteckt, dann stiefelt Fritz in der Nähe herum, als müsste er Wache stehen. 
Dadurch hat er allerdings manchmal den Legeort verraten.


Meistens kann Alex, meine Frau, nicht umhin, den Hühnern eine zusätzliche Schüssel Futter am Vormittag auf den Weg zu stellen. 
Fritz ist dann auch sofort da und pickt herum. Kurioserweise nimmt er da ein Maiskörnchen in den Schnabel, legt es aber dann etwas weiter wieder ab. So als wollte er es seinen „Damen“ anbieten oder sie wenigstens darauf aufmerksam machen. Das macht er aber fast immer. 
Das ist ein Ritual. Natürlich bedient er sich auch und kommt selber nicht zu kurz. 
Ein Macho, ein Frauenversteher, ein Aufpasser, Chef und ein lieber Kerl.

Eine Zeit lang schlief er sogar bei der Truppe im Hühnerstall, dann aber flüchtete er sich vor dem Schließen des Geheges hinaus zu einem Avocadobaum, auf dem er dann die Nacht verbrachte, wie es bei Hühnern eigentlich üblich ist. 
Möglicherweise haben sie ihn aus dem Stall vertrieben, weil er immer gegen vier Uhr morgens mit einem martialischen Krähen anfing und sie eventuell noch ein Viertelstündchen Schlaf zulegen wollten. 
Jetzt ist er aber doch wieder zurück im Hühnerstall.


Vor einiger Zeit erschien Schneewittchen etwas lahm, lief nicht mit der Truppe mit und war mit Süßmaiskörnern auch nicht so richtig zu begeistern. Nachdem auch kein Ei von ihr trotz aufmerksamer Kontrolle zu finden war, haben wir sie etwas genauer betrachtet und gesehen, dass der Kloakenausgang eine gewisse Pumpbewegung zeigte.

Oha, möglicherweise Legeschwierigkeiten.
  
Die Ratgeber im internet wissen meist nichts, gar nichts, empfehlen homöopathische Tropfen: aber auf jeden Fall zum Tierarzt gehen.  Wir haben zwar einen Freund der Tierarzt ist, ein sehr empathischer zudem, aber wir wollten es nicht übertreiben. 

Als Naturwissenschaftler geht man der Sache erst mal selber auf den Grund. Alex griff sich Schneewittchen, ich mir Untersuchungshandschuhe und begann die Kloake zu „explorieren“. 
Das ist ja ein sehr dehnbares Organ, weil ja auch große Eier durchgeschleust werden. 
Und tatsächlich spürte ich ziemlich schnell ein hartes Objekt, das sich auch vorsichtig herausholen ließ. Es war ein verhärtetes, faltig-schrumpeliges, in die Länge gezogenes Ei, das sich offenbar verklemmt hatte. 
Während der ganzen Prozedur machte Schneewittchen keinen Mucks, kein Ton, kein Herumgestrampel. 
Nach Versäubern des Ausgangs wurde Schneewittchen wieder freigelassen. 
Schnurstracks rannte sie zu ihren Kameraden. Auf alle Fälle war Schneewittchen wieder die Alte und mischte kräftig in der Truppe mit. 

Es ist schon interessant. Wenn Tiere, hier mal Hühner, sich krank fühlen, dann sondern sie sich irgendwie lustlos ab, sind nicht mehr so kommunikativ und verhalten sich vorsichtig. Auch beim Futternapf treten sie einen Schritt zurück.
  
Das liegt wohl irgendwie in der Natur, dass kranke Tiere sehr schnell gemobbt werden und unbarmherzig aus der Gemeinschaft ausgeschlossen werden – oder gar umgebracht werden. Da beugt natürlich ein defensives Verhalten vor, ist aber auch ein Zeichen für den Betreuer, dass etwas nicht stimmt. 
Manchmal stimmt dieses Clichée aber nicht. 
Schneewittchen ist schon wieder krank, apathisch, frisst nicht, hat Dünnschiss und wandert auch nicht rum. Also her mit dem "Burschen"  und wir flößen  ihr mit einer Spritze ohne Nadel eine Mischung eines Breitbandantibiotikum mit Cortison direkt über den Schnabel ein und spülen etwas Wasser nach. 
Das geht. 
Fressen tut sie ja auch ein präpariertes Toastbrot mit Milch nicht, lecker, geht sonst immer, aber diesmal halt nicht. Wir bringen sie zurück in den Hühnerhof. 
Schwupp, sind Laura und Fritz der Hahn von der Pirsch zurück im Hühnerhof und tappern um sie herum und - das ist ganz offensichtlich - sie stehen ihr bei, kümmern sich mit leisem Gegackere. Und gehen auch nicht weg. 
Sowas aber auch. 
Mitgefühl bei Tieren ist was ganz Seltenes, aber kann durchaus passieren. Vielleicht spielt auch die verbale Kommunikation eine Rolle. 
Eine Abfolge bestimmter Piepser? Oder reicht bereits der Instinkt? 
Später untertags war Schneewittchen doch wieder unterwegs aber immer begleitet von Laura. Jetzt sitzen beide unter dem Avocadobaum am Indonesienkaffeefeld. 
Na mal sehen.

Kleinere „Unpässlichkeiten“ treten immer mal auf. So mussten mal Läuse und Zecken aus einem Gefieder „gestäubert“ werden oder ein Dünnschiss Kandidat wurde eingesperrt, auf Körnerkost gesetzt und vom Grünzeug ferngehalten.

Es wird nicht langweilig, wenn man sich um die Tiere kümmert und sie beobachtet. Nur einmal gingen wir mit Bruni, der ältesten und „Überlebenden“ zu Alper Wellmann, unserem Tierarzt, um sie checken zu lassen, da sie keuchte und nicht „auf Trab“ war. Sonst war auch nichts zu erkennen, wo wir  etwas hätten machen können. Lungenentzündung lautete die Diagnose. 

 

Sie bekam zwar Antibiotika gespritzt und wurde über Nacht unter einer Wärmelampe gehalten, aber den Morgen hat sie nicht überlebt. 

Unsere Hühner sind Familienmitglieder. 

Sie gehören zum Fincaleben dazu und es ist eine Freude, sie über die Finca herumspazieren oder besser: wackeln zu sehen, auch wenn sie die Terrasse mit Häufchen markieren - sehr lästig - und sonstigen Unfug anstellen. 
Umso bitterer ist es einen der Lieblinge zu verlieren. 
Die Resttruppe hat davon keine Notiz genommen und auch Fritz kommandiert halt jetzt nur 2 Hühner. Das mit der Empathie scheint ein alles oder nichts Phänomen zu sein. Wird ein Huhn geschlachtet, Gott bewahre, scheren sich die anderen nichts drum. Heißt es.

Und? Was ist unser Fazit nach den Erfahrungen mit unseren Hühnern?


Die ganzen Hühnerbücher-Ratgeber, die wir uns gekauft hatten, sind ihr Geld nicht wert. Man erfährt zwar, wie tief man die Fundamente für ein Hühnerhaus frostsicher eingraben muss, und wieviel Kies einzufüllen ist und welche Hühnerrassen mit Gewicht und Legeleistung es gibt. Aber damit hat sich's schon.
Im internet nach Tips zu suchen oder Probleme zu klären, ist auch meist sinnlos:
"Da musst du schon den Tierarzt fragen oder besser gleich in die für Vogelkrankheiten spezialisierte Klinik gehen"  oder
"Ja, genau, dieses Problem hatten wir auch schon".

Wissen alle nichts. Dafür gibt es seitenweise Empfehlungen, wie man ein Huhn schlachtet.
Liebevoll mit den Kleinen umgehen, dann wird's schon werden. 

      

Patient Bruni und Patient Alex

Prachthuhn Laura

Fritz in Pose

Fritz mit Laura und Schneewittchen